Sonnige Einsamkeit an der Rennstrecke in Portimao


Ich bin zurzeit eine „digitale Nomadin“, seit Dezember 2020 verbringe ich meine Zeit in Portugal. Alles was ich aktuell zum Arbeiten benötige sind mein Laptop und mein Motorrad – beides habe ich hier und bin somit arbeitsfähig. Ich nutze die „Freizeit“ neben dem Büro, um neue Strecken zu erkunden und interessante Plätze zu besuchen, die unsere Portugaltouren zukünftig bereichern werden.

Für den heutigen Tag war Regenwetter angesagt, was sich auch beim Blick aus dem Fenster bestätigte. Also gönnte ich mir erst einmal ein entspanntes Frühstück und nahm Kurs auf „Büroarbeit“. Gegen Mittag hatten sich die Regenwolken verzogen und kleine Löcher in der Wolkendecke, ließen erahnen, dass da oben die Sonne scheint. Die wenigen Sonnenstrahlen waren so verlockend, dass ich meinen Rechner gegen die Motorradkombi tauschte und schon 15 Minuten später, rollte ich mit meinem alten Mädchen davon. Ich hatte vorerst keinen Plan wohin, ich wusste nur, dass ich raus wollte um den Rest des Tages mit meiner GS zu erleben.

Mir fiel ein, dass ich schon lange nicht mehr an der Rennstrecke Portimao war und die Entscheidung war sofort gefallen. Auf zum Autódromo Internacional do Algarve!

Der Weg war das Ziel und ich nahm sämtliche Kurvenkilometer unter die Räder, die es bis dahin gab. Im Hinterland war ich allein unterwegs, keine Störfaktoren weit und breit. Der Himmel zeigte immer mehr Lücken in den Wolken und mir wurde klar, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Ein letzter Kreisverkehr, den Torbogen mit „Herzlich Willkommen“ passiert und mein Herz schlägt ein wenig schneller. Zahlreiche Werbeplakate an der Straße säumen den Weg, ihre Botschaften sind veraltet, es geht um Events aus 2020. Mal wieder begriff ich die schreckliche Realität um Covid 19. Es waren so viele Events und ich fragte mich, wie viele davon tatsächlich stattgefunden haben.

Ich wusste, dass die Strecke im Winter gern für Fahrzeug- und Reifentests genutzt wird und es verwunderte mich nicht, dass ein paar Trucks hier standen. Die Scheiben der Fahrerhäuser glitzerten in der Sonne, die sich gerade durch die Wolken gearbeitet hatte. Es war für mich ein wunderbarer Moment, verbunden mit der Hoffnung, dass sich dieser Parkplatz bald wieder füllt.

Bei einer Vielzahl meiner Motorradtouren an der Algarve gehörte ein Abstecher zur Rennstrecke dazu, heute war es Zeit für ein aktuelles. Ich positionierte meine GS kameragerecht und es war mir in dem Moment auch völlig egal, was der Pförtner am Eingang gerade dachte. Ich redete mir ein, er war erstaunt, eine blonde Lady auf einer 1200 GS und auch noch aus Deutschland zu sehen, er war sicher ein glücklicher Zuschauer J

Eigentlich wollte ich NUR ein aktuelles Foto von der Rennstrecke, je länger ich hier verweilte, desto mehr stieg meine Neugierde, was sich hier seit meinem letzten Stopp verändert hatte. Corona hatte meine Portugaltouren über 12 Monate pausieren lassen.

In all den Jahren war es mir nie gelungen direkt an der Strecke zu sein, ein Pförtner mit Schranke ist das natürliche Hindernis. Scheinbar werden Zuschauer hier nicht gern gesehen, umgeben von einer dicken Mauer gibt es auch keine große Chance einen Blick in das spannende Innere zu bekommen. Mit meinem Selfiestick heute aber schon, der war lang genug, um ein paar Fotos über die Mauer hinweg zu knipsen 😊

Mittlerweile war ich in meinem Element, die Neugierde wurde stärker, es wurde immer sonniger und wärmer und ich wollte mehr davon sehen, wie es auf einer Rennstrecke im Lockdown aussieht.

In direkter Nähe zur Rennstrecke befindet sich das Algarve Race Resort, eine 5 Sterne Hotelanlage. Ich war noch nie dort und aus dem Grund, war es heute für mich einen Abstecher wert. Was ich hier vorfand, war ein trauriger Anblick. Die riesige Hotelanlage war völlig verwaist. Kein Auto, kein Motorrad, kein Mensch – niemand war hier und in meinem Kopf tauchte die Frage auf, wie lange das gut gehen kann. Die Medien sprechen in der Pandemie überwiegend von all den kleinen und mittelständischen Unternehmen, denen es schlecht geht. Mir wird plötzlich bewusst, dass es auch große Unternehmen und vor allem Hotelketten gibt, die vor riesigen Problemen stehen werde. Ich denke der Tourismus wird sich verändern, weil diese Krise nicht jeder überstehen kann.

Ich entschied mich dazu, nicht weiter darüber nachzudenken und diese Gelegenheit zu nutzen, um  Bilder zu knipsen, die irgendwann vielleicht mal „Zeitzeugen“ der Pandemie sein werden. Niemand war hier, es gab keine Absperrung und aus dem Grund parkte ich mal ganz frech meine GS dort, wo sonst wohl niemand parken darf, direkt am gläsernen Eingang ins Hotel. Das Bike wurde zurecht geschoben, mit dem Selfiestick und der Kamera der richtigen Winkel gesucht und in der Hitze wurde es ein wenig anstrengend. Ich brauchte mehrere Anläufe und damit verbunden auch etwas Zeit. Ich hockte gerade in der perfekten Position vor meinem Motorrad, war völlig in Gedanken versunken und dann das!

Eine männliche Stimme sprach mich plötzlich von hinten an „Pretty, but what are you doing here?“  Ich war so erschrocken, dass ich das Gleichgewicht verlor und aus der Hocke vor meiner GS geradewegs auf meinen Hintern fiel, ähnlich wie ein Marienkäfer, der auf dem Rücken liegt. Autsch, wo kam der Typ her? Ich befand mich in einer Situation, die mir für einen Bruchteil total peinlich war und schon im nächsten Moment uns beide unweigerlich zum Lachen brachte. Noch immer in Rückenlage erwiderte ich ihm mit einem Lächeln, dass ich nur ein schickes Foto für Freunde in Deutschland mache, damit sie neidisch werden. Er hatte scheinbar längst erkannt, dass ich die Leere hier für mich ausnutzte. Er reichte mir freundlich seine Hand und befreite mich mit einem Lächeln im Gesicht aus der doch eher unangenehmen Situation.

Er machte einen sympathischen Eindruck und ich erklärte ihm, warum ich hier bin und warum ich das hier gerade mache. Er schenkte mir erneut ein Lächeln und irgendwie hatte ich das Gefühl, er versteht mich und er würde sich gern ein wenig länger mit mir unterhalten. Wer mich kennt, weiß, dass ich immer mit sehr viel Neugierde auf meinen Reisen unterwegs bin und diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich hatte Zeit, er scheinbar auch und schon legte ich los mit all meinen Fragen.

Sein Name ist Tiago und er arbeitet für eine Security Firma, die das Resort Hotel überwacht. Das Resort ist kein Hotel, was täglich Gäste empfängt, erzählt er mir. Es ist ein Hotel, was von den Events an der Rennstrecke lebt und wenn es keine gibt, dann ist es hier ruhig. Seit Covid-19 ist es hier ganz besonders ruhig geworden, zu ruhig meint er. Er macht diesen Job schon seit 4 Jahren und er macht ihm Spaß. Es gibt Zeiten im Jahr, da ist kein Bett mehr frei, da ist der Parkplatz voller Fahrzeuge und da gehen internationale Größen hier ein und aus. Er spricht von dem Dröhnen der Motoren, den Menschen, die viel Geld für Tickets ausgeben, den neugierigen Journalisten und Fotografen, die stets versuchen hier reinzukommen um an die besten News zu gelangen. Ein Job der unterschiedlicher nicht sein kann. Es ist kein einfacher Job, von stürmischen Tagen bis zu ruhigen Tagen braucht er immer ein wachsames Auge.

Ich lausche den Erzählungen von Tiago und ich muss sagen, es gefällt mir sehr, was ich da alles so höre. In diesem Resort gehen viele Größen des Motorsports ein und aus. Er selber fährt kein Motorrad und sein Auto dient lediglich dazu, Wege von A nach B zu erledigen. Er bewundert all diese Menschen, denen Geschwindigkeit wichtig ist und die um jede Sekunde kämpfen. „Dafür ist unsere Strecke gebaut, dafür habe ich meinen Job und dafür sind wir so bekannt“ sagt er voller Stolz. Ich finde das toll und frage ihn, was er sich für die Zukunft wünscht.

Seine Antwort überrascht mich nicht wirklich, schon seit Beginn unseres Gesprächs spüre ich die Emotionen in dem was er erzählt. Was er sich wünscht sind viel mehr Tage, wo hier das Leben pulsiert, wo sich Menschen zusammen finden, deren Herzen für den Rennsport und die Geschwindigkeit schlagen. Es werden Tage sein, an denen Tiago rund um die Uhr einen Job erfüllen muss, oft über mehrere Tage bis zu Erschöpfung, mangels Schlaf. Diese Zeit meint er, ist dennoch viel besser wie die aktuelle Zeit, wo der Kaffee dich wach hält, weil er vor Langeweile nicht weiß, was er tun soll. Ich frage ihn, wann sein Dienst beendet ist und er verrät mir, dass er noch 4 Stunden hat. Danach wird er sich in seinen alten Mercedes setzen um nach Hause zu fahren, wo eine Familie mit Frau und 2 quirligen Kindern, ihn den Rest des Tages auf Trab halten wird.

Es wird Zeit sich zu verabschieden und ich frage nach einem gemeinsamen Foto, wozu gibt es schließlich den Selfiestick. „Nein das geht leider nicht“ meint er, er hat einen wichtigen Job, das könnte falsch gewertet werden. Es wäre wahrscheinlich anders, wenn ein bekannter Rennfahrer darum bittet – ok verstanden und danke für deine Ehrlichkeit!

Mal wieder habe ich einen interessanten Menschen kennen gelernt und ich bin begeistert, dass die Portugiesen so gutes Englisch sprechen. Ich Deutsch – du Portugiesisch – wir Englisch 😊

Ich ziehe davon, nicht ohne noch einmal die Leere von diesem Platz aufzunehmen. Von der Eingangshalle zum Resort bis zum Parkplatz sind es gefühlt 10% Gefälle, ich rolle die Abfahrt hinunter und will mich mit einem freundlichen Winken von Tiago verabschieden. Ich kann ihn nicht mehr sehen, er ist verschwunden, genauso schnell wie er vor 20 Minuten aufgetaucht war.

Im ersten Kreisverkehr angekommen stelle ich kurz auf „Lautlos“, Motor aus und Kopf ein. Was war das gerade? Habe ich mir das alles nur eingebildet oder hatte ich einfach nur Glück in diesem Moment? Egal wie es ist, ich starte mein altes Mädchen, dreh am Gasgriff und freue mich am späten Nachmittag wieder in meinem Appartement anzukommen, ein zu Hause auf Zeit, wo ich mich sehr wohl fühle und was mich für ein Stück Heimat bedeutet.

Jetzt, Tage später, entdecke ich bei der Durchsicht der vielen Bilder und Selfies doch tatsächlich ein Foto, wo der Schatten von Tiago im Hintergrund zu sehen ist. Wie lange wohl hatte er mich bereits beobachtet? Mit fällt ein Stein vom Herzen, ich habe mir all das doch nicht eingebildet. Ich weiß, dass ich ihn wohl nie wieder treffen werde, egal wie oft ich dahin fahren würde, es wäre ein zu großer Zufall. Umso mehr genieße ich diese Begegnung erneut mit jeder Zeile in diesem Bericht und den vielen Bildern im Kopf, wo meine Kamera gerade im Offline Modus war, weil ich seinen Erzählungen gelauscht hatte.

Zurück in Deutschland freue ich mich so sehr darauf, endlich wieder nach Portugal reisen zu können. Wann es wieder soweit ist, entscheidet ein kleiner und fieser Virus. Bis dahin hoffe ich, dass wir diese Krise gut überstehen und Reisen ohne größere Einschränkungen wieder zum normalen Leben dazu gehören.

In dem Sinne freue ich mich die vielen Touren und vor allem auf die Blicke in meinem Rückspiegel, wo ich euch mit einem Lächeln im Gesicht sehen kann.

Eure Manuela

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