Ein Apfel auf Reisen

 

Was hat ein Apfel aus Tirol mit einer Reise zu tun? Eigentlich nichts aber bei dieser Reise war er ein Maskottchen, unbewusst und unscheinbar im Tankrucksack verpackt und trotzdem immer präsent. Er gehörte zu den kleinen Dingen unserer Gardaseetour zu Pfingsten, die mir noch lange in Erinnerung bleiben werden.

Am Donnerstag sollte es los gehen, 14 Gäste, ich als Tourguide und Rene im Begleitfahrzeug. Wie gewohnt wurden Mittwoch alle Checklisten geprüft, das Motorrad stand fahrbereit in der Garage, die Reisetasche gepackt, Kettenspray und Regenkombi griffbereit verstaut. Für die Wegzehrung kaufte ich mir noch eine Flasche Mineralwasser aus dem Netto Brunnen und einen Apfel aus Tirol, für den Fall, dass der Hunger unterwegs übermächtig wird.

Pünktlich am Treffpunkt erschienen warteten schon die ersten Gäste, bekannte Gesichter auf die ich mich freute und neue Gesichter auf die ich gespannt war. Es sollte eine bunte Mischung werden, das Wetter stand auf schön und meine GS freute sich auf die kommenden Fahrkilometer.  Nach einer kurzen Ansprache und voller Vorfreude auf die nächsten Tage starteten wir pünktlich in Dresden in Richtung Gardasee. Die erste Tagesetappe sollte uns bis in den Allgäu führen und für den ersten Teil der Strecke wählte ich unser Nachbarland Tschechien. Gut ausgebaute Straßen, wenig Verkehr machten es uns leicht schnell vorwärts zu kommen. Schnell ist dabei relativ und  wie schnell wir genau waren möchte ich hier gar nicht erwähnen. Es passte perfekt,  die Gruppe zog mit und nicht umsonst fahre ich so gern durch Tschechien. Die Autofahrer in diesem Land respektieren uns als Motorradfahrer und machen gern Platz, keine Kampflinie und Überholmanöver!  Selbst mit 12 Motorrädern kommt man hier gut vorwärts und der Fahrspaß  ist enorm. Unseren geplanten Mittagsstopp erreichten wir mit 10 Minuten Verspätung, geschuldet den schwachen männlichen Blasen, die es keine 60 Minuten aushielten ihre Markierungen zu setzen. Na ja so sind sie eben und trotzdem mögen wir sie 🙄

Das Mittagessen war vorbestellt und der Wirt freute sich auf uns. Lecker Essen mit kleinen Preise die keiner nachvollziehen konnte, dazu ein Gratis Geschenk des Hauses- ein lecker Erdbeerkuchen machten es uns schwer sich auf die kommende Strecke zu konzentrieren. Was gäbe es jetzt schöneres als einen Liegestuhl und eine Stunde Mittagspause? Nix da, wir hatten noch eine Menge Fahrkilometer vor uns!

In Anbetracht der zügigen Fahrweise entschloß0en wir uns kurzfristig die Autobahn zu meiden und auf Nebenstrecken weiter zu fahren. Kein LKW, kein PKW hielt uns auf und der Tachometer zählte zügig seine Laufleistung.  120 Kilometer vor unserem Hotel für den ersten Abend zogen dicke Wolken auf und die Hoffnung ohne Regenkombi trocken anzukommen wuchs von Minute zu Minute. 30 Minuten vor unserer Ankunft löste sich unsere Hoffnung in Wasser auf und ein 20-minütiger Regenschauer wurde zu unserem Begleiter.  Im Hotel angekommen stand schon unser Begleitfahrzeug, das Reisegepäck bereits ausgeladen konnten wir uns  gleich dem Genuss eines frischen Bieres hingeben.  Kurze Zeit später erschienen auch unsere 4 Gäste, die auf eigene Faust angereist waren, völlig durchweicht nach stundenlanger Regenfahrt über genau die Strecke, die wir ursprünglich gewählt hatten. War die Entscheidung wohl doch richtig gewesen die Autobahn nach München zu meiden? Bei lecker Essen und Bier beendeten wir den ersten Abend und in Erwartung des nächsten Tages ging es frühzeitig ins Bett.

Die Wetter Apps  für den nächsten Tag waren so unterschiedlich wie es kaum sein kann, schlechtes Wetter, gutes Wetter, was soll es wir können es eh nicht ändern!

Der nächste Tag  begrüßt uns mit Regen und dicken Wolken – oh Mann so hatten wir uns da eigentlich nicht vorgestellt! Zum Glück kann das Wetter niemand beeinflussen und von daher müssen wir da jetzt durch! Regenkombis angezogen und los ging es. Der Weg war das Ziel und je südlicher wir fahren wollten desto besser sollte es doch werden! Für den Weg von Deutschland nach Österreich wählte ich kleine Nebenstrecken entlang einsamer Dörfchen. Kurz nachdem wir die unscheinbare Grenze passiert hatten und eine kleine, kurvenreiche Straße passierten nahm ich noch im letzten Blickwinkel meines Visieres das Schild „Weidegebet“ wahr. Was dieser kleine Hinweis für eine große Bedeutung  kurze Zeit später annehmen würde, ahnte ich dem Moment noch nicht. Mein vom Nieselregen verschmiertes Visier  und  dem Kurvenspaß pur im Kopf sah ich in der Ferne uns einen Radfahrer entgegenkommen. Ok der hat auch seine Berechtigung hier zu sein dachte ich, nur 100 Meter vor ihm bemerkte ich, dass es kein Radfahrer war sonder eine völlig verwirrte Kuh die uns entgegen gerannt kam und wohl selber nicht wusste was sie tat. Im Anblick dieser Kuh, die mit vollem Speed auf uns zukam und dem schnellen Blick in meinen Rückspiegel mit der Gruppe hinter mir warf ich den Anker mit allem was ging, ich links vorbei an der Kuh, Volker hinter mir rechts an der Kuh vorbei  und der Rest der Gruppe irgendwie genauso. Herzklopfen pur und froh es geschafft zu haben erlebte ich 30 Sekunden später ein Szenario was mir völlig neu und unbekannt war. Geschätzte 100 Rinder irrten völlig orientierungslos auf der Straße herum, entgegen kommende Fahrzeuge mussten stehen bleiben, hupten ohne Ende um die Rindviecher von der Straße zu vertreiben, was die Kühe noch verrückter machte. Was nun?  Da stehen zahlreiche ausgewachsene Rinder vor dir und du weißt nicht ob sie gleich auf dich los gehen oder Platz machen. Komplett orientierungslos und verwirrt waren wir hier wohl das Objekt der Begierde. Liebe Rinder, ich mag euch aber eher als Steak und bitte lasst uns leben! Es hat gedauert, denn die Hupkonzerte hatten sie noch mehr verwirrst und rasend gemacht. Keiner traute sich jetzt mehr überhaupt einen Meter zu fahren. Ein beherzter Landwirt mit seinem anrollenden Traktor schaffte es dann doch noch die Rinder von der Straße zu scheuchen und nach 5 km Weidegebiet waren wir  froh  es überstanden zu haben.

Ab jetzt ging es zügig gen Italien, die Mittagspause am Rechensee passten wir gut ab und ließen dem Regen freien Lauf. In Richtung Gardasee wurde es stetig wärmer, die Wolken verzogen sich  und nach 400 Kilometern waren wir endlich angekommen. Sonne satt, italienische Freundlichkeit und ein phantastisches Essen beendeten den Tag in unserem Hotel am Gardasee.

Der nächste Tag begrüßte uns mit grauen Wolken und der Ankündigung die Regenkombi besser gleich anzuziehen. Gesagt, getan und wie es oft so ist – der Regen verschonte uns. Phantastische Strecken  mit wenig Verkehr  und Pausen an wunderschönen Orten machten einfach nur Spaß. Mein Apfel schlummerte noch immer im Tankrucksack vor sich hin Warum Apfel essen, wenn es hier doch so eine leckere Küche gibt? Zur Mittagspause schafften wir es gerade noch in unsere altbekannte  Pizzeria am Idro See, als sich sämtliche Schleusen am Himmel öffneten und ein sich Wolkenruch  der Extraklasse über den Gardasee ergoss. Zum Glück waren wir hier im Trockenen und hatten genug Zeit zu warten bis der Regen aufhörte. Genauso war es dann auch, nach 1er Stunde ausgiebiger italienischer Küche lies der Regen nach und wir konnten im Trockenen weiter fahren. Es wurde immer wärmer, unser Hotel kam immer  näher und so entschieden wir uns den späten Nachmittag in Torbole zu verbringen. Gesagt, getan, die Ortsmitte angesteuert und eine lecker „Gelati“ Bar aufgesucht. Hier direkt am Ufer des Gardasee, ein lecker Eisbecher in der Hand war die Welt so völlig in Ordnung. Ein bisschen Shopping, ein  bisschen Seeluft genießen – was kann es schöneres geben! Lieber Apfel aus Tirol, ein italienisches Eis ist immer noch vorzuziehen und von daher verzeih mir, dass ich dich noch immer schlummern lasse!

Den Abend verbrachten wir im Hotel mit lecker Essen und einem Ausblick auf den Gardasee wie er schöner nicht sein kann.

Der nächste Tag weckte uns mit Sonnenstrahlen. Woh, wir habe es geschafft und den Regen verdrängt! Ein neuer Tag, ein neues Glück und zufrieden starteten wir zu eine weitern Tagestour. Das Wetter lies keine Wünsch offen, die Strecken ebenso und jede Menge  „Tornantis“ begleiteten uns durch den Tag. Bei jeder Pause war das Angebot der italienischen Küche so verlockend, dass mein Apfel weiter im Tankrucksack schlummerte.  Wer kann einer Pasta oder einem Salat Caprese widerstehen wenn die Alternative nur ein Apfel ist?

Die Stimmung war so gut, so dass wir 50 km mehr an Strecke hinter uns brachten als vorgesehen.“ Den Pass nehmen  wir noch mit und den Pass auch noch“ die Gruppe war sich einig und es fiel uns schwer irgendwann aufzuhören und unser Hotel anzufahren. Hier ist es so schön, dass man gar nicht aufhören mag Motorrad zu fahren! Im Hotel ankommen wurden wir freudig begrüßt und wie immer erwartete uns ein lecker Abendessen. So schön wie der Abend war spürte ich doch deutlich den langsam aufkeimenden Abschiedsschmerz, morgen sollte es zurück in Richtung Heimat gehen. Lieber Gardasee, warum machst du es uns immer wieder so schwer? Du bietest so viele wunderschöne Strecken für Motorradfahrer und du gibt’s uns so wenig Zeit dafür!

Am nächsten Morgen hieß es Abschied nehmen, ein letztes Frühstück auf der Terrasse des Hotels, hoch auf dem Berg mit einem gigantischen Ausblick über den gesamten Gardasee. Ein wehleidiges Ciao und bis zum nächste Jahr an unsere Gastwirte (zumindest für unsere Gäste, da ich schon bald wieder hier sein darf) und schon ging es auf den Weg nach Franken. 400 Kilometer lagen vor uns und für heute stand das Wetter auf schön. Wir schafften es bis zum Brenner, ab  dann Regen ohne Ende. Weint auch der Wettergott mit uns weil wir nicht länger geblieben sind? Mir kam es fast so vor und erst ab Deutschland wurde es besser. Erschöpft und voller Erinnerungen im Franken angekommen herrschte hier purer Sonnenschein. Unsere Gastwirte für diesen Abend begrüßten uns mit einem großem Hallo und fränkischen Bier. Wir kennen Günter und Sonja schon seit vielen Jahren und es immer wieder schön hier anzukommen, sie sind ein Teil unserer Familie geworden und es war wie immer schön hier zu sein.

Ungeduscht, fertig von der Tour und froh da zu sein wurden wir mit einem Abendessen belohnt, wie man es ich kaum vorstellen kann. Ehrliche Hausmannkost in Größenordnungen, wo jeder Magen irgendwann streikt. Zum Glück müssen wir heute nicht mehr fahren und der Obstler danach schaffte nur ein wenig Erleichterung. Mein lieber Apfel, bitte verzeih mir, dass ich dich noch immer nicht beachte, ich wusste was uns heute Abend für eine Küche erwartet und habe daher auf jede Nahrungsaufnahme während es Tages verzichtet.

Nach den anstrengenden Fahrtagen schrumpfte unsere Gruppe recht schnell, jeder sehnte sich nach seinem Bett und einer Mütze Schlaf. Gegen 23 Uhr waren alle verschwunden und eine letzte Nacht im fremden Bette war angesagt, bevor uns der nächste Tag alle nach Hause bringen sollte.

Ein neuer Morgen, ein kräftiges Frühstück, schönes Wetter gepaart mit Abschiedsschmerz und ein bisschen Freude auf zu Hause – die Stimmung war gut und pünktlich 9 Uhr rollten wir vom Hof.

20 km weiter nach den ersten Kurven fühlte sich mein Motorrad eigenartig an, liegt es an den Spurrillen in der Straße oder warum kippelst du jetzt so? Keine Lust auf zu Hause? Als es mir zu viel wurde hielt ich an um zu schauen ob es am letzten Bier gestern Abend lag oder meine GS ein Problem hatte. Tatsächlich, meine GS hatte ein Problem, ein platter Hinterreifen war die Bescherung. Zum Glück war unser Begleitfahrzeug mit Gepäck und Ersatzmotorrad noch in der Nähe und 20 Minuten später luden wir meine GS ein und eine R 1200 R aus. Die sollte mich nun bis nach Dresden bringen, eine ungewohnte Sitzposition, ein ungewohnter Boxermotor aber kurze Zeit später machte das Gefährt auf den vielen Kurvenstrecken einfach nur noch Laune.  Kilometer für Kilometer näherten wir uns der Heimat. Kurz vor der Landesgrenze Sachsen entschieden wir uns auf die Autobahn zu schwingen um die restlichen 200 km  abzuspulen. Ab dem Dreieck Vogtland öffnete Petrus all seine Schleusen und zeigte uns was es bedeutet wenn der Himmel weint. Egal wir wollen nach Hause, für die Regenkombi  ist es jetzt eh zu spät und ich machte heute erstmalig die Erfahrung, dass Starkregen bei 160 km/h richtig weh tun kann. Wir wollten so schnell es geht nach Hause und irgendwann gewöhnt man sich an den Regen, linke Spur Autobahn, vorbei an Zwickau, Chemnitz, Nossen näherten wir uns dem Autobahndreieck Dresden. Hier trennten sich unsere Wege, Winke, Winke und jeder verschwand in seine Richtung. Ab hier kein Regen mehr und in der Stadt sah es aus, als hätte es nie geregnet. Sollten die letzten 1,5 Stunden vielleicht nochmal eine Herausforderung gewesen sein um die Tour nicht so schnell zu vergessen?  Ich weiß es nicht und war einfach nur froh mal wieder eine tolle Tour erlebt zu haben.

Jetzt, wo ich hier sitze und meine kleine Geschichte schreibe fällt mir doch mein Apfel wieder ein.  Ich glaube die Zeit für ihn ist jetzt gekommen. Ich halte ihn in meinen Händen und überlege, wie viel Kilometer er schon hinter sich hat, ich schätze 3000 km könnten es sein, zumindest auf geradem Wege. Lieber Apfel, für 3000 km siehst du noch richtig frisch und knackig aus und ich hoffe, dass auch ich mit meinem jährlichen 30000 km immer so knackig aussehen werde. Auch wenn es mir leid tut werde ich dich mir jetzt schmecken lassen und jeder Bissen wird mich an die vielen Stunden der vergangenen Tage erinnern.  Liebes Italien, nicht nur eure Äpfel schmecken gut, bei euch ist einfach alles schön! Eines weiß ich jetzt schon – Bella Italia wir kommen wieder!

Die Bilder zur Tour gibt es hier: http://www.bilder.almoto.de/tourenbilder-2011/juni-2011/motorradtour-gardasee-mit-dem-bmw-motorradzentrum-dresden/

2 comments to “Ein Apfel auf Reisen”
2 comments to “Ein Apfel auf Reisen”
  1. Als einer der Gäste kann ich deiner „Lobpreisung“ an den Gardasee nur zustimmen. Trotz des durchwachsenen Wetters wahr es wieder mal schön mit Euch zu fahren, eine tolle Gegend, gutes Essen und eine nette Gruppe lassen die manchmal nassen Unterhosen (durch den Regen – was dachtet ihr?!) schnell vergessen.
    Und auch mein Apfel hat den Weg nach Erfurt zurück gefunden. Der hat aber mehr Kilometer hinter sich und hat mich auch nicht so lyrisch inspiriert. War halt keiner aus „bella Italia“. 😉
    Bis zur nächsten Tour !
    Bernd

  2. Hallo Bernd,
    es ist immer wieder schön zu hören, dass unsere Touren Spaß gemacht haben und ich freue mich schon auf die nächste Tour im August mit dir!
    Bis dahin viele Grüße!

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